Im Projekt UrbanInsects der Universität Stuttgart wird untersucht, inwieweit Behausungen für Insekten an Gebäuden für den Erhalt der biologischen Vielfalt beitragen können. Diese stellen sowohl Nistplätze als auch Schutzraum für die Sechsbeiner bereit. Die Forschenden interessieren sich sowohl dafür, ob Wildbienen, Florfliegen und andere Insekten das Angebot nutzen, als auch für die Sichtweisen der dort lebenden Menschen. Deshalb trafen sich Forschende und Bewohnende nun im Herbst bei der VdK-Baugenossenschaft Baden-Württemberg, welche die Gebäude zum Umbau und als bewohnte Testobjekte freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte.
Daniela Schätzel vom Institut für Akustik und Bauphysik (IABP) erläuterte den Teilnehmenden den typischen Nistvorgang bestimmter Wildbienen und Grabwespen und die Funktionsweise sowie den Nutzen der Behausungen. Besonders eindrucksvoll waren hierbei Fotos aus dem Inneren einer Nisthilfe, welche die Insekten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien zeigten. Bei dieser Gelegenheit stellte sie auch mehrere Entwürfe von Studierenden für alternative Designs der Behausungen vor. Eine der Ideen sieht beispielsweise eine stilisierte Wildbiene aus Holz mit vorgebohrten Nistgänge im Zentrum des Habitats vor, um den Zweck der Installation visuell zu verdeutlichen. Ein anderer Vorschlag basiert auf der Kombination von mehreren, rechteckigen Kästen mit Pflanzen und Nistplätzen. Dadurch wird auch gleich die unentbehrliche Nahrung für die Sechsbeiner bereitgestellt.
Die Teilnehmenden nutzten die Gelegenheit, ihre Fragen an die Forschenden zu richten. Bei einer Sache konnte Frau Schätzel Entwarnung geben: „Stechmücken, Honigbienen, Hornissen, Schmalzfliegen oder Wespen nisten nicht in diesen Behausungen mit Schilfröhrchen und Bohrlöchern. Sie werden nur von Wildbienen und anderen harmlosen Stechimmen mit Larven befüllt, die als Einzelgänger leben. Honigbienen, Hornissen, Fruchtfliegen und andere als gefährlich oder lästig wahrgenommene Insekten haben eine andere Lebensweise.“
Die Teilnehmenden zeigten ebenso großes Interesse an den alternativen Design-Vorschlägen und waren auch sonst überwiegend zufrieden mit den bereits installierten Behausungen. Dies war ein etwas überraschender Befund, da aufgrund des oft zitierten negativen Images von Insekten in der Gesellschaft eine entsprechende negative Wahrnehmung der potenziell zusätzlichen Insekten in der Fassade denkbar gewesen wäre. Diese Sorge bestätigte sich mit Blick auf den Artenschutz erfreulicherweise nicht. Während der gesamten Testphase gingen bei den Projektpartner*innen keinerlei Beschwerden über die eingebauten Behausungen ein. Es wurde jedoch der Wunsch nach mehr Information und Beteiligung vor dem eigentlichen Einbau geäußert. Dies konnten Yvonne Zahumensky und Michael Ruddat vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS) der Universität Stuttgart mit ihrer Expertise im Bereich Bürgerbeteiligung durchaus nachvollziehen: „Die Installation der Behausungen betrifft immerhin das unmittelbare Lebensumfeld der menschlichen Bewohnenden. Hier ist es besonders wichtig, frühzeitig über solche Maßnahmen zu informieren, transparent zu kommunizieren und im Rahmen von Beteiligungsprozessen auf die Bedenken der Menschen einzugehen“ erläutert der Soziologe Ruddat. Das Projektteam nahm diesen Hinweis im Hinblick auf die Analyse des Feldversuchs entsprechend gerne auf. Die Behausungen für Insekten in der Stuttgarter Urbanstraße werden voraussichtlich noch mindestens ein weiteres Jahr in Betrieb sein, um mehr empirische Daten zur Nutzung durch Wildbienen, Florfliegen und Co. beziehungsweise die Wahrnehmung und Bewertung der Bewohnenden sammeln zu können.
Hintergrundinformationen
Das Projekt UrbanInsects (Langtitel: UrbanInsects: Fassadenintegrierte Habitat-Systeme für Insekten) wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN). Das BfN und das BMUKN fördern im Bundesprogramm Biologische Vielfalt aktuell viele weitere Projekte, die Maßnahmen für ökologische Stadtnatur umsetzen.
Mit dem Förderschwerpunkt Stadtnatur im Bundesprogramm Biologische Vielfalt wird eine zentrale Maßnahme des Masterplans Stadtnatur umgesetzt, den die Bundesregierung 2019 als Maßnahmenprogramm für lebendige und attraktive Städte verabschiedet hat. Ziel ist es, den Anteil an naturnahen, arten- und strukturreichen Grün- und Freiflächen im Siedlungsbereich durch ein ökologisches Grünflächenmanagement zu erhöhen und die biodiversitätsfördernde Durchgrünung von Städten und Gemeinden zu verbessern.
Weitere Informationen zu UrbanInsects können auf der offiziellen Projekthomepage abgerufen werden: https://www.iabp.uni-stuttgart.de/urbi
Kontakt
UrbanInsects Koordination
Daniela Schätzel
Institut für Akustik und Bauphysik
Pfaffenwaldring 7
70569 Stuttgart
Telefon: +49 711 685 65629
Email: daniela.schaetzel@iabp.uni-stuttgart.de