Anfang November präsentierten Dr. Michael Ruddat und Dipl.-Geogr. Yvonne Zahumensky vom ZIRIUS das Projekt UrbanInsects in der Lehrveranstaltung „Politische Ökologie der Energie“ von PD Dr. Marco Sonnberger. Dort haben sich Soziologie-Studierende der Universität Stuttgart mit der Frage auseinandergesetzt, wie Insekten in der Stadt in Häuserfassaden integriert werden können und Lebensraum geschaffen werden kann. In der Lehrveranstaltung kam nicht nur die Frage auf, wie wir Natur gestalten, sondern auch, wer dafür Verantwortung trägt. Hinter der Frage nach insektenfreundlicher Stadtgestaltung verbirgt sich eine tiefere, gesellschaftliche Debatte über Verantwortung, Wahrnehmung und das Verhältnis des Menschen zur Natur.
Insekten als Spiegel gesellschaftlicher Ordnung
Insekten sind nicht nur biologische Akteure, sondern auch soziale Marker. Sie zeigen, wie eine Gesellschaft Natur versteht – als Ressource, als Störfaktor oder als Mitwelt. Wenn Städte für Menschen gebaut werden, Insekten aber verdrängt werden, dann spiegelt sich darin ein bestimmtes Selbstbild: Die moderne Stadt gilt als Produkt menschlicher Planung. Sie ist strukturiert, organisiert und oft naturfern.
Das Projekt UrbanInsects stellte diese Perspektive infrage. Die Studierenden näherten sich der Idee an, dass Stadt nicht nur ein menschlicher Lebensraum, sondern ein gemeinsames Gefüge verschiedener Lebensformen ist. Damit verschiebt sich auch die Frage: Nicht mehr wie wir Insekten integrieren, sondern warum sie überhaupt integriert werden sollten. Wenn wir Insekten Lebensraum geben, schaffen wir nicht nur ökologische Balance, sondern stellen auch eine Beziehung zwischen Mensch und Mitwelt wieder her – eine Beziehung, die in modernen Städten oft verloren gegangen ist.
Vorpolitische Fragen: Was bedeutet Verantwortung?
Schnell wurde in der Veranstaltung klar, dass die Frage nach insektenfreundlicher Architektur mehr ist als eine technische oder ökologische. Sie ist soziologisch und ethisch. „Der Umgang mit Natur ist daher immer auch eine vorpolitische Frage“, betonte Marco Sonnberger. Bevor Gesetze, Bauordnungen oder Nachhaltigkeitsrichtlinien greifen, braucht es eine gesellschaftliche Haltung: Wie definieren wir „Natur“ in der Stadt? Wem gehört sie? Und wer fühlt sich ihr verpflichtet? Wer trägt Verantwortung für das, was als „Natur“ in der Stadt existiert? Ist sie Aufgabe der Politik, der Planenden – oder eine geteilte Verantwortung aller? Wenn eine Hausfassade Lebensraum für Insekten bietet, dann wird Gestaltung zu einem Akt der Mit-Verantwortung. Die Grenze zwischen menschlicher und nichtmenschlicher Stadt verwischt.
UrbanInsects präsentierte damit nicht nur als Forschungsprojekt eine innovative Idee für Insektenhabitate in städtischen Räumen, sondern lud auch aus gesellschaftlicher Sicht dazu ein, die Stadt als Beziehungsraum zu denken.
Hintergrundinformationen
Das Projekt UrbanInsects (Langtitel: UrbanInsects: Fassadenintegrierte Habitat-Systeme für Insekten) wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN). Das BfN und das BMUKN fördern im Bundesprogramm Biologische Vielfalt aktuell viele weitere Projekte, die Maßnahmen für ökologische Stadtnatur umsetzen.
Mit dem Förderschwerpunkt Stadtnatur im Bundesprogramm Biologische Vielfalt wird eine zentrale Maßnahme des Masterplans Stadtnatur umgesetzt, den die Bundesregierung 2019 als Maßnahmenprogramm für lebendige und attraktive Städte verabschiedet hat. Ziel ist es, den Anteil an naturnahen, arten- und strukturreichen Grün- und Freiflächen im Siedlungsbereich durch ein ökologisches Grünflächenmanagement zu erhöhen und die biodiversitätsfördernde Durchgrünung von Städten und Gemeinden zu verbessern.
Weitere Informationen zu UrbanInsects können auf der offiziellen Projekthomepage abgerufen werden: https://www.iabp.uni-stuttgart.de/urbi
| Kontakt | UrbanInsects Koordination: Daniela Schätzel |
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